Berufliche Kompetenz für Schausteller-Lernen auf dem Rummel

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Berufliche Kompetenz für Schausteller

Lernen auf dem Rummel


"Unser Beruf ist der beste, den es gibt." Philipp Gronen weiß genau, er ist und bleibt der geborene Schausteller. Vielleicht will der 16-Jährige noch eine Ausbildung als Event-Manager machen, jedoch nur um "eine Altersversicherung zu haben", flachst er.

Philipp sitzt gemeinsam mit elf weiteren Kindern von Schaustellern in der Berufsschule in Nidda. Sie sind Teilnehmer des "BeKoSch"-Programms - "Berufliche Kompetenz für Schausteller". Seit 4. Januar gehen die Schüler in die Berufsschule. Heute ist ihr letzter Schultag. Den Rest des Jahres, wenn sie mit ihren Familien durch ganz Deutschland ziehen, arbeiten und lernen sie über ein internetbasiertes Programm.

Die Kinder von Schaustellern und Zirkusfamilien haben genauso wie alle anderen die Pflicht, eine Berufsschule zu besuchen. Dies ließ sich vor dem zweijährigen Programm jedoch kaum mit den Reisen der Familien vereinen. "Vorher war dies ein unlösbares Problem", sagt Ausbildungsleiter Mathias Michl. Denn wer will die Schulbank drücken und dabei auf seinen Traumjob verzichten?

Auch jetzt sitzen die Schüler mit mäßiger Begeisterung in der Schule. Alle sind in der neuesten Mode gekleidet, es blinken die Ohrstecker und Handys. "Ich muss ja in die Schule, aber dass ich mich darauf freue, kann ich nicht sagen", gibt Philipps Klassenkamerad Nicola (18) offen zu.

Die Schaustellerverbände waren bei der Entwicklung des Stundenplans mitbeteiligt. In Hessen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen gibt es das BeKoSch-Programm. Hier können die Schüler Zertifikate im kaufmännischen, gewerblich-technischen und allgemein bildenden Bereich für ihr Berufsschulabschlusszeugnis und den Hauptschulabschluss erwerben.

Anders als die anderen

In den Kursen müssen die Schüler beispielsweise die Umsatzsteuer beim Würstchenverkauf berechnen, die nötigen Versicherungen in ihrem Gewerbe kennen oder die Hauptaspekte eines erfolgreichen Marketings wissen.

Spaß in der Schule hätten sie trotzdem, sagt Philipp. "Wir kennen uns, es ist toll, mit Freunden in einer Klasse unter sich zu sein."

Die Zugehörigkeit zu einer besonderen Gruppe ist ihnen wichtig. "Wir sind anders, das ist gut" sagt Philipp. Dieses Gefühl der Zugehörigkeit sei so stark, fügt Ausbildungsleiter Michl hinzu, dass die Jungen nicht immer besonnen reagieren, wenn eines ihrer Mädchen von den regulären Berufsschülern angesprochen wird. Um Hahnenkämpfe zu vermeiden, haben die Schaustellerkinder andere Pausenzeiten.

Auch für Michl ist der Unterricht anders als in der regulären Schule. "Ich bin toleranter, weil ich weiß, dass es für die Schüler eine große Umstellung ist." Nach einer Weihnachtsmarktsaison mit zehnstündigen Arbeitstagen sei es schwierig, sich an den Schulalltag zu gewöhnen. "So ernst nehmen wir das hier nicht, dass wir uns zuhause hinsetzen und lernen. Herr Michl hat schon aufgegeben, uns Hausaufgaben zu geben", sagt die 17-jährige Antonnette und lacht.

Allerdings weiß Michl, der sich schon seit 1999 für diese Ausbildung einsetzt, auch, dass so mancher Schüler nach der Schule anruft - wenn es Probleme mit der Umsatzsteuer oder der Versicherung gibt.

Quelle: www.fr-online.de
 
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