Das "Pirates Adventure

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Merkur

Stuttgart - Der Boden knarzt, als Michael Schneider sein Wohnzimmer mit wenigen Schritten durchquert. "Ich liebe es, ich kenne jedes Geräusch hier", sagt der Schausteller. Seit 16 Jahren schon ist der lange Wohnwagen das rollende Zuhause von Michael Schneider, seiner Frau Janida, ihrer Kinder Danielle (12), Louis (9) und Hans (3) sowie Mischlingshund Betty. Der Wagen, den Schneiders Eltern Ende der 70-er Jahre anfertigen ließen, ist die große Konstante in ihrem bewegen Schaustellerleben. Wenn sich die Orte, wo sie übernachten, auch ändern, die rustikale Eichenholzverkleidung bleibt die selbe. "Wir haben hier alles, was wir brauchen", sagt Janida Schneider. Waschmaschine, Trockner, Flachbildschirm, eine Legoecke im aufgeräumten Kinderzimmerchen, in dem kein Klötzchen auf dem Boden liegt.


Es riecht nach Rippchen mit Sauerkraut. Michael Schneider ist der einzige, der noch nicht zu Mittag gegessen hat. Wenn Danielle und Louis um 12.30 Uhr von der Schillerschule kommen, sitzt er schon seit einer halben Stunde an der Kasse seines Laufgeschäfts am Cannstatter Wasen. Das "Pirates Adventure", das schräg hinter der Fruchtsäule steht, hat der 42-jährige Familienvater vor neun Jahren einem erkrankten holländischen Schausteller abgekauft. Man merkt, dass Schneider zuvor mit einer Geisterbahn durch Deutschland tourte: Zahlreiche animierte, sich bewegende Figuren - Piraten, gefiederte Papageien, ein Krokodil - hat er für die Anlage anfertigen lassen. Allein der riesige Pirat, der draußen vor der Fassade hockt, habe 30.000 Euro gekostet, sagt der Schausteller.

Mit dem "Pirates Adventure" reist die Familie in der Regel neun Monate im Jahr von einem Rummelplatz und einem Fest zum nächsten. Fünf Tage hier, zwei Wochen da. Länger bleiben sie während ihrer Tour selten irgendwo - wie so viele Schaustellerfamilien. In diesem Jahr sind sie bereits seit Ende Februar unterwegs. Die Post schickt Michael Schneiders Mutter im Zwei-Wochen-Rhythmus vom Lippstädter Familienstammsitz aus hinterher. Mal nach Hamburg, dann nach Nürnberg, jetzt nach Stuttgart, im Dezember sogar nach London. Diesen Winter baut der 42-Jährige das Laufgeschäft erstmals mitten im Hyde Park auf.

Der Schulstoff landet per Fax bei den Kindern


Für Danielle, Louis und in ein paar Jahren auch Hans bedeutet der Beruf ihrer Eltern, ständig in anderen Klassenzimmern zu sitzen. Dass sie echte Freundschaften in den Schulen knüpfe, sei selten. "Aber für mich ist das kein Problem, ich kenne das ja gar nicht anders", sagt die Zwölfjährige, die schon weiß, was sie später machen will: den elterlichen Betrieb übernehmen. Danielle geht jetzt in die achte Klasse und ist in ihrer Lippstädter Hauptschule die beste ihrer Stufe, wie ihre Mutter stolz erzählt. Ein Bereichslehrer in Lippstadt sorge dafür, dass der Schulstoff immer per Fax bei den Kindern landet, auch in Stuttgart gibt es einen Lehrer, der sich speziell um die Schaustellerkinder kümmert. Hinzu kommt auf der Reise Unterricht im virtuellen Klassenzimmer übers Internet. "Das war zu meiner Zeit noch anders, da fehlte solch eine Betreuung", sagt Michael Schneider. Er ist in sechster Generation Schausteller, besuchte als Kind "22 Schulen im Jahr".

Im Kassenhäuschen des Piraten-Laufgeschäfts hängen Schwarzweißaufnahmen von den Fahrgeschäften seiner Eltern und Großeltern: ein Foto von August Schneiders Hippodrom auf dem Cannstatter Wasen zum Beispiel, das vor dem Krieg hier einmal fest installiert war. Eine Kapelle spielte, es gab Essen und Trinken, während man in einem Rund in der Mitte auf Eseln reiten konnte.

Auch Janida Schneider stammt aus einer Schausteller- und Artistenfamilie, ihre Großmutter war Seiltänzerin, ihr Großvater ein sogenannter Lawinentänzer beim Zirkus. "Als Schaustellerin habe ich meine Kinder, meine Familie, immer um mich herum, das ist das wirklich Schöne. Und man sieht so viel, ist immer unter Menschen", sagt die 33-Jährige. "Von Privatleuten" würden sie dabei meist als "Exoten" gesehen.

Ruhe hat Janida Schneider im Kassiererhäuschen


Das Volksfest verlangt gerade einiges von ihr ab: Auf den meisten deutschen Festplätzen gehe es erst zwei Stunden später als in Stuttgart los. "Ich fühle mich hier immer im vierten Gang, nie kann man Herunterschalten", sagt Janida Schneider. Um 6.30 Uhr steht sie auf, bringt Danielle und Louis zur Schule, kümmert sich um den Haushalt, kauft ein, kocht das Mittagessen, kontrolliert die Hausaufgaben. Dazu kommen die Stunden an der Kasse. "Wann ich Ruhe habe? Wenn ich hier in diesem Häuschen sitze und kassiere", sagt die Schaustellerin.

Michael Schneider arbeitet, wenn er keine Eintrittschips verkauft, im Hintergrund. Tauscht hier einen defekten Stecker aus, lackiert da etwas über. Hobelt, schraubt, schweißt. Heute morgen musste er sich um einen Defekt an seinem Lastwagen kümmern. Gerade hat er entdeckt, dass einer der Papageien den Kopf nicht so bewegt wie er soll. "Darum muss ich mich gleich kümmern."

Wirklich ausspannen können sie erst in der Winterpause am Stammsitz in Lippstadt in Nordrhein-Westfalen. Die vergangenen 16 Jahre haben sie auch die Monate dort im Wohnwagen verbracht - Tochter Danielle hat zudem seit einem Jahr ihren eigenen Camper. Diesen Winter ziehen die Schneiders erstmals in ihre neue Wohnung. Die Möbel werden in zwei Wochen geliefert. "Ich freu mich schon", sagt Janida Schneider. Aber sie weiß auch: Kommt erst wieder der Frühling, wird sie es kaum erwarten können, erneut mit dem Wohnwagen loszuziehen. "Dann werden wir unruhig, allesamt."


http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2220926_0_3082_-volksfest-zuhause-auf-dem-rummelplatz.html
 
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tobias kempen

Ein echt super Bericht. Ich war auch schon in dem alten Wohnwagen und der sieht echt schön von innen aus aber der neue ist so was von genial habe ihn aber erster nur von Draußen gesehen.
 
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