Lebenskünstler auf dem Kirmesplatz

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Lebenskünstler auf dem Kirmesplatz

Auf dem Neusser Kirmesplatz bauen die Schausteller derzeit ihre Buden auf und richten sich häuslich ein.


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Ulrich Schmidt weiß seit seiner Kindheit, was es bedeutet, Schausteller zu sein. „128 Schulen habe ich besucht. In manchen war ich keine drei Tage.“ Alleine war Schmidt aber deswegen nicht. „Oft habe ich andere Schausteller-Kinder getroffen. Dann habe ich mich manchmal in eine Klasse höher oder tiefer gemogelt, um mit ihnen zusammen zu sein“, sagt der 58-Jährige lachend.

Heute fährt der Sohn eines Schießstand-Besitzers selbst als Schausteller durch Deutschland. Seit Samstag steht seine Attraktion auf dem Neusser Kirmes-Platz. Und vielleicht ist es kein Zufall, dass er mit einem „Hau den Lukas“ sein Geld verdient.

„Ich war schon immer dick. Dazu immer der Neue in der Klasse. Viele Kinder hatten es auf mich abgesehen. Schlagen ließ ich mich nicht lange“, erinnert sich Schmidt. „Ich schnappte mir fortan den Stärksten, bestach ihn mit Chips für den Rummel oder zeigte ihm, wo der Hammer hängt.“
Martina Schmidt wollte schon mit 13 auf der Kirmes arbeiten

Hinter seiner Attraktion steht sein Wohnwagen. Acht Meter lang, kein Luxus, gemütlich. Ehefrau Martina tischt Frikadellen und Kartoffelsalat auf. „Schon mit 13 sagte ich meiner Mutter, dass ich mal einen Schausteller heiraten will“, erinnert sich die 45-Jährige.

Der Rummel habe sie immer gereizt: „Die vielen Geschäfte und der Aufbau faszinierten mich.“ Nach einer Lehre zur Einzelhandelskauffrau und ihrer ersten Ehe mit einem Schausteller wollte Martina Schmidt nichts anderes machen, als auf der Kirmes arbeiten.

„Ich war nach der Scheidung drei Monate im Büro beschäftigt. Nach kurzer Zeit kannte ich den Ablauf in- und auswendig und langweilte mich.“ Dann lernte sie Ulrich Schmidt kennen. „Ich wusste erst nicht, dass er Schausteller ist. Heute glaube ich, dass es so sein sollte. Ich gehöre auf die Kirmes.“
„Ich brauche den Trubel der Kirmes.“


Geschäftlich wie auch privat arbeitet das Paar Hand in Hand: „Wir können uns aufeinander verlassen. Anders ginge es auch nicht.“ Auch in der Winterpause bleiben sie ihrem Wohnwagen treu: „Dann wohnen wir in einem Trailer auf unserem Grundstück in Bochum.“ Einen festen Wohnsitz braucht jeder Schausteller.

Dass ihr Beruf nicht anerkannt ist, ärgert beide: „Im Mittelalter reisten Apotheker, sogar Ärzte, zu Rummelmärkten. Die heutigen Schausteller sind das Überbleibsel von früher, aber nur wenige schätzen den Erhalt der Tradition.“

Die Marktleute sind Alleskönner: „Schweißen, lackieren, aufbauen, dazu Buchführung, Werbung und Verwaltung.“ Personal können die Schmidts sich nicht leisten: „Finanziell ist das nicht drin. Wir mussten schon ein Auto verkaufen und Versicherungen kündigen.“ An die Rente sei gar nicht zu denken: „Dafür bleibt nichts über. So geht es den meisten Schaustellern. „Ich arbeite so lange, bis ich umkippe“, sagt Schmidt.

Den Seiltanz zwischen Kostendeckung und kundenfreundlichen Preisen kennt auch Marcel Schmelter. Der 18-Jährige polierte bereits am Samstag die Kinder-Fahrzeuge seines drehenden Siebenhimmelfahrten-Karussells. „Alles muss schön aussehen, sonst wollen die Besucher nicht mitfahren.“ Zwei Euro kostet eine Fahrt. „Drei oder vier müssten wir eigentlich nehmen, aber das würde niemand mitmachen“, meint der Schausteller, der in der achten Generation in einem eines Familienbetrieb arbeitet.

Dass ein einzelner Wagen 70.000 Euro kostet, wissen die wenigsten. Dazu Standgebühr, Reise- und Personalkosten, Strom: Würde die Familie nicht im Winter eine Glühweinpyramide betreiben, würde das Geld nicht ausreichen. „Trotzdem liebe ich das Kirmesleben. Mit drei Jahren habe ich angefangen mitzuhelfen.“

Heute arbeitet Schmelter täglich im Betrieb, trotz einer vollendeten Ausbildung zum Schlosser. „Ich brauche den Trubel.“ In Zukunft will sich der 18-Jährige dafür einsetzen, dass sein Berufsstand erhalten bleibt: „Ich möchte die Tradition an die nächste Generation weitergeben.“

Ob seine künftige Frau aus dem Schausteller- oder dem normalen Leben kommt, ist dem Düsseldorfer egal. „Hauptsache, sie versteht die Philosophie und packt mit an.“ Und laut Martina Schmidt müsste man als Schausteller vor allem eins sein: „Lebenskünstler.“


Text & Foto: Bild-Online
 
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