[Presse]Die Raupe kehrt zurück

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Die Raupe kehrt zurück


Zum 25. Mal, und dazu gibt es ein Stück Nostalgie - wie einst mit Verdeck. Der aktuelle Fahrgeschäft-Renner "Rocket" ist dagegen nichts zum Kuscheln.


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Früher war die Fahrt auf einer Raupenbahn etwas Sündiges. Schließlich hatten die Wagen ein Verdeck. Wenn das runtegeklappt wurde, konnten Pärchen darunter kuscheln. Oder noch schlimmer: knutschen. Das fand die Kirche nicht ganz so toll. So etwas gehörte sich nicht. Nicht einmal auf der Kirmes. "In Neviges hatten wir vor Jahren mal kaum Publikum", erinnert sich Kirmes-Betreiberin Herta Böttner. Der örtliche Pfarrer hatte von der Kanzel gegen das sündige Treiben gewettert. Wenn die Weseler Maikirmes ab Freitag ihr 25-jähriges Bestehen feiert, wird eine Raupenbahn für nostalgisches Flair, aber nicht mehr für einen Grund zum Anstoßnehmen sorgen.

Die Zeiten haben sich geändert, weiß Herta Böttner am besten, die die "Raupe" zum Jubiläum nach Wesel geholt hat. Seit einem Vierteljahrhundert lädt die Maikirmes rund um den Kornmarkt und den Großen Markt die Besucher zum Bummeln und Feiern ein. Die 62-Jährige, die mit ihrem Mann Franz all die Jahre die Veranstaltung in Wesel organisiert und mittlerweile mit ihrer Imbissbude samt Ausschank einen Stammplatz am Großen Markt gefunden hat, betrieb früher selbst eine Raupenbahn. "Die dreht jetzt irgendwo im Süden ihre Runden."

15 Fahrgeschäfte und rund 100 andere Anbieter stehen ab Freitag bereit. Um 15 Uhr geht es mit Freibier los. Als Symbol wird das "menschengroße Volksfest-Herz" alle Kirmesbegeisterten begrüßen. Nach dem Motto: "Wir haben ein Herz und ein Gesicht".

Das Publikum wird kommen, ist sich die Organisatorin sicher. Dass aber gerade bei Familien der Euro nicht mehr so locker sitzt, bekommen auch die Schausteller zu spüren. "Abwechslungsreich soll das Angebot deshalb sein", betont Herta Böttner. Ihr Wunschgast? "Eine Boxbude. Die sind aber schwer zu bekommen. In ganz Deutschland gibt es nur zwei oder drei."

Bei der Auswahl der Attraktionen achtet sie darauf, "dass alles passt". Damit spielt die gebürtige Isselburgerin darauf an, dass sie im Laufe der Jahre auch einige Reinfälle erlebt hat. Wie etwa mit Fahrgeschäft-Betreibern, die zugesagt hatten, und dann einfach nicht auftauchten. "Dann musste ich kurzfristig irgendwie die Lücken schließen."

Geklappt hat es aber immer. Was auch an den Stammkunden liegt. Walter Söhngen ist nicht nur Herta Böttners Nachbar, sondern auch seit Jahren mit seinem Kinderkarussell fester Bestandteil der Kirmes. "Bei mir kommen Eltern vorbei, die früher als Kind schon selbst auf dem Karussell gefahren sind", so der Weseler. Klar, dass sie ihre Sprösslinge nur allzu gern die Fahrt im Polizei- oder Feuerwehrwagen antreten lassen.

Wer eher auf "action" steht, dürfte bei "Rocket" voll auf seine Kosten kommen, der Höhepunkt in diesem Jahr. Anderen Kirmesbesuchern dürfte sich allein beim Anblick des Fahrgeschäfts die Curry-Wurst im Magen umdrehen. "Den Jugendlichen gefällt´s. Die wollen immer höher, schneller und weiter", wissen Böttner und Söhngen und lachen. Zum Schmusen wie einst auf der Raupenbahn sei das halt nichts mehr.

Die alten Raupenbahn-Fahrer schwärmen noch heute von jenen Tagen unterm Verdeck. Pärchen, die sich einst an Herta Böttners Bahn kennengelernt hatten, kommen immer noch gerne an ihren Imbissstand und erzählen von den alten Zeiten. Die Kirmes-Organisatorin kann da nur lächeln: Ihren Franz traf sie an der Berg- und Talbahn seiner Eltern.


quelle: nrz
 
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