[Presse] Herbstkirmes in Siegen 1938

kirmesfreak#14

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Herbstkirmes in Siegen 1938


Im Schulaufsatz am nächsten Morgen schrieb ich enthusiastisch: „Das war der schönste Tag in meinem Leben!“ Immerhin war ich schon acht!
Am frühen Nachmittag kam Oma zu uns. In der Tasche hatte sie eine große Tüte frische, duftende Hefeteilchen. (5 Pfg. das Stück.) Während wir Kaffee tranken, ertönte leise dieses mir bekannte wunderschöne Klimpern.
Verheißungsvoll lächelnd schüttelte Oma ein braunes, kleine Ledersäckchen. „Juchhu“, jubelte ich, „unser Kirmesgeld.“ Oma hatte wieder einmal Tag für Tag das Kleingeld aus der Gerdbörse geräumt und für diesen Tag gesammelt. Ich wurde ganz hektisch. Oma war da. – das Kirmesgeld war da – und ich war da.
Mutti wünschte uns noch viel Spaß,
und dann zogen wir los. Am Kölner Tor steuerte Oma immer zuerst einen unscheinbaren, kleinen Stand an, nicht größer als ein Telefonhäuschen.Der Mann darin trug eine Uniform und auf seiner Mütze war ein rotes Kreuz. Oma zog das Ledersäckchen und ich durfte ein Los ziehen. Hier hatte ich noch nie etwas gewonnen, aber Oma bestand auf dem Loskauf, denn damit könnte man Gutes tun, sagte sie. Am Dicken Turm hörten wir bereits den Drehorgelmann. Ich rannte hin. Auf der Orgel saß ein kleines Äffchen. Ich hielt ihm ein Geldstück hin und es griff mit seinen kleinen, schwarzen Fingerchen danach. Während der Drehorgelmann
sich freundlich lächelnd bedankte, warf das kluge Tierchen das Geld in ein buntes Kaffeetässchen, an dem – solange ich wusste – der Henkel fehlte.
Gerne hätte ich dem possierlichen Tierchen noch eine Weile zugesehen, aber es ging weiter. Nun kam die Bude mit den rosa Waffelstangen. Die aß ich gerne, aber ich bekam sie nie.
„Nur Farbe und Zucker, ganz schlecht für die Zähne und so“, sagte Oma, und sie hatte da ihre Prinzipien. Mitten auf der Straße stand der erste Luftballonmann.
Der hatte bestimmt 20 oder 30 Ballons in der Hand. Es sah so schön aus, so bunt, aber ich hatte immer ein wenig Angst, dass der Mann plötzlich auf und davon schweben würde. Nein, ich wollte jetzt noch keinen haben, meine Hände sollten frei bleiben für all das, was noch kam, und ich wusste, es kam noch viel.
Ungefähr auf der Höhe Bettengeschäft Holterhoff stand er jedes Jahr:
Der Mann, der ein ganzes Orchester ersetzte. Er war schwarz gekleidet. Um die Stirn trug er einen Reif. Daran hingen kleine Glöckchen. Bei jeder Bewegung des Kopfes klangen sie. Eine Mundharmonika wurde von einem Ständer im Nacken gehalten und er blies tüchtig hinein. Unter seinen Oberarmen hatte man ihm verschieden große Autohupen angebracht. Drückte er nun die Arme an den Leib,
hupten sie zweitönig los. Mit seinen Händen zog er kräftig die Ziehharmonika
auseinander. An jeder Knieinnenseite waren Deckel angeschnallt und wenn er die Knie zusammenschlug, deckelte es heftig. Mit seinem rechten Fuß trat er einen Blasebalg, mit dem er noch ein Blasinstrument ertönen ließ. So ausgestattet wackelte, stampfte, drückte und blies er Ton für Ton das Lied von der Jugend – die
nicht wiederkehrt. Er hatte viele Anhänger, so wie ich, und die Münzen klingelten in dem alten Geigenkasten, der vor ihm aufgestellt war. Sein „Danke“ stand auf einem Stück Pappe, dem man das Alter ansah. Schräg gegenüber – in der Nähe der Germania – war ein Kasperhaus. Sofort hatte ich ein Plätzchen auf einem schmalen
Brett gefunden und dann ging es los. „Seid ihr alle da“, rief der Kasper, und wir schrien lauthals „jaaa…“.
Dann kam die Grete, der Polizist, die Hexe, das Krokodil und alle, die zur Kasperfamilie gehörten. Kasper war ständig in irgendeiner Gefahr, auf die wir Kinder ihn durch lautes Rufen aufmerksam machten. Natürlich geschah dem Kasper nie etwas, und mit einem Chor – Kasper und Kinder – endete jedes Spiel mit
„Tri Tra Trullala, der Kasper ist bald wieder da.“
Dann gingen Kaspers echte Familie mit Körbchen sammeln. Hier lagen auch manche größere Geldstück drin, denn was wäre letztendlich eine Kirmes ohne
Kaspertheater? Vorbei an Spielwarenbuden und süßen Sachen kamen wir an den Stand mit den Springfröschen. Drückte man dem grünen Blechtierchen fest auf den
Rücken, so sprangen sie in hohem Bogen weg. Eine lustige Sache, und ich bekam jedes Jahr einen, bis nächstes Jahr war er irgendwie verschwunden oder kaputt. Mit meinem neuen Spielzeug zogen wir weiter, und jetzt hörten wir ihn schon rufen: „Türkischer Honig, türkischer Honig, das Beste aus dem Orient, die Lieblingsspeise
des Sultans!“
Er stand in seinem weiten, weißen Hemd, dem roten Fez auf dem Kopf, hinter einem kleinen Tischchen, auf dem der Honigklotz lag. Mit einem festen Schaber kratzte er die süße Masse auf ein kleines Stück Papier. Er hatte feste Preise.
Fünf Pfennig, zehn Pfennig und zwanzig Pfennig. Ich bekam immer für zehn Pfennig. Das reichte auch, denn nach einiger Zeit hatte man genug davon, es war sehr süß. Als ich Oma einmal wegen der Prinzipien fragte, warum ich dieses hier bekam und die rosa Waffel nicht, sagte sie: „Nun überleg doch mal, die Türken werden ja nicht so einen weiten Weg machen, um uns etwas Schlechtes anzubieten!“ Das war für mich absolut einleuchtend.
Rechts vor dem Tor zum Oberen Schloss stand das zweite Kasperhaus,
und auch hier machten wir wieder Halt. Nun waren wir auf dem Hasengarten,
dem eigentlichen Kirmesplatz, hier war es sehr laut und aufregend. Die Karussells wollten mit ihrer Musik einer den anderen übertönen. Auf dem Kinderkarussell läuteten die Kleinen ununterbrochen die Glocken der Feuerwehrautos. Überall wurden lauthals irgendwelche Sensationen angepriesen. Ein Stelzenmann klopfte
Oma von oben auf den Kopf, und ein Pony lief immer im Kreis, auf dem Rücken die kleinen Reiter. „Nur herein“ schrie es von der Geisterbahn, „hier lernen Sie das Gruseln.“
Die Losverkäufer schrien alle dasselbe, nämlich: „Jedes Los gewinnt, ein Los zehn Pfennig, sechs Lose fünfzig Pfennig.“ Wir kauften sechs Lose. Oma zog drei und ich den Rest. Unsere ganze Ausbeute war ein Bällchen an einem dünnen Gummi. Warf man den Ball fort, kam er durch das Gummi sofort zurück. In unserer Straße hatte nach der Kirmes fast jedes Kind ein solches Hüpfbällchen. Oma wurde langsam müde und da sie sich auf einem Mauerstück ausruhen konnte, durfte ich derweil auf
mein geliebtes Kettenkarussell (durfte Mutti nicht wissen). Halt dich bitte mit beiden Händen fest, hatte mich Oma noch beschworen. So konnte ich ihr noch nicht einmal winken, aber ich wusste, sie hatte mich genau im Blick. Also flog ich, flog und flog im großen Bogen und einer wunderbaren Leichtigkeit. Es war herrlich, aber viel zu rasch vorbei. Wieder festen Boden unter den Füßen, drückte Oma mich fest an sich.
Sie war sichtlich erleichtert, dass ich wieder unten war. Jetzt wusste ich schon, wo es als Nächstes hinging. Oma steuerte auf einen kleinen Stand zu. Dort waren die Spielkartenfarben unter einer Glasplatte zu sehen. Man legte auf eines der Felder seinen Einsatz, Licht huschte darüber. Gewonnen hatte derjenige, auf dessen Einsatz das Licht stehen blieb, er bekam dann einen Teil des gesamten Einsatzes. Oma spielte hier jedes Jahr und sie hatte immer Glück dabei. Für die gewonnenen
Groschen kaufte sie ein Stück Lebkuchen, den wir Mutti mitbrachten. An dem Lebkuchenstand durfte ich mir auch ein Herz aussuchen, Oma legte es mir mit einem Band um den Hals und dann prangte auf meiner Brust in rotem Zuckerguss die Aufforderung
„Küss mich“, aber keiner hat’s getan. Für Opa nahmen wir jedes Jahr eine Lakritzpfeife mit, denn er war Pfeifenraucher und hat sich immer über den Jux gefreut. Über meinem Kopf tanzte nun auch ein großer roter Luftballon. Der wäre für meinen kleinen Bruder gewesen, wenn er nicht unterwegs fortgeflogen
wäre.
„Oma, ist das Säckchen leer?“ fragte ich. „Nein“, sagte sie, „es ist noch etwas drin.“ „Müssen wir das noch ausgeben? Ich bin sooo müde.“ Sie lachteund sagte: „Was hältst du davon, wenn wir den Rest der Mutti geben, vielleicht gehen Mutti und Vati am Abend auch mal ein Stündchen über die Kirmes.“ „Ja, prima“ antwortete ich,
„dann bleibst du bei uns und wir spielen Mensch ärgere dich nicht.“
Heute bin ich 76 Jahre, erinnere mich gerne an alles und gebe dem
Spielmann recht, der das Lied spielte:
„Schön ist die Jugendzeit, sie kommt nicht mehr!“


Quelle: Bild-Online.de
 

Ulrich Ohlmann

Kf-mein zuhause
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ja,so war das früher!Da hatte man sich auf Kirmesgeld gefreut und ist mit oma und familie auf die Volksfeste im Ort gegangen,anschliessend meistens noch ein Familientreffen und heute-heute wird Party gemacht :)

aber Danke schöner Bericht!
 

ghosttrain

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"Heute wird Party gemacht!"
Ist ja ansich nichts Anstößiges!"!
Mein Problem ist es,daß die Party "vor" oder "nach" der Kirmes stattfindet-und nicht "während"!!!
 
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