Seelsorge zwischen Achterbahn und Piratenshow

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Merkur

Freizeitpark Soltau
Seelsorge zwischen Achterbahn und Piratenshow


Seit einem halben Jahr arbeitet Anke Rieper im Freizeitpark Soltau als Diakonin. Für die Besucherkinder organisiert sie im Sommer Schatzsuchen und lehrt sie Beten, im Winter baut sie Krippen und singt Weihnachtslieder mit ihnen. Den Erwachsenen bietet sie Kurzandachten und einen Briefkasten zu Gott .

Diakonin Anke Rieper in der Holzkapelle bei der Andacht

Dass sie eine Frau in Gottes Diensten ist, sieht man ihr auf den ersten Blick nicht an. Im gestreiften Hosenanzug steht die junge Frau vor ihren Zuhörern und spricht vor dem schlichten Holzkreuz und der Krippe über die Freude. Gott habe in dieser Welt, in der sich die Menschheit nach einem Zuhause, einem Ort der Freude, des Friedens und der Hoffnung sehne, Wohnung genommen, erzählt sie. Die vier Menschen, die an diesem Montagnachmittag vor Weihnachten zu ihr in die Kapelle gekommen sind, hören intensiv zu.


Seelsorgerin mit Sinn für Vergnügen: Diakonin Anke Rieper im Freizeitpark Soltau mit einem verkleideten und bronzenen Engel sowie der Weihnachtsbotschaft
Die kurze Andacht steht unter dem Motto „Mach' mal Pause“. Jeden Nachmittag lädt Diakonin Anke Rieper, 25, Menschen ein, ihrer christlichen Botschaft zuzuhören. Doch der Ort der Verkündung ist nicht irgendeine Kirche im Norden und auch kein Gemeindehaus, sondern die Heidenhofkapelle im Freizeitpark Soltau. Ausgerechnet dort, wo der Lärm von Fahrgeschäften und ausgelassenen Besuchern die Stimmung prägt, gibt es nun einen Ort der Stille, einen Ort der Besinnung, einen Ort, wo Zwiesprache mit Gott gehalten werden kann. „Ich gehe dorthin, wo die Menschen sind, um ihnen Gott näherzubringen“, beschreibt Rieper ihren Auftrag. In „ihrer“ Kirche gibt es eine Klagemauer und einen Briefkasten an Gott. Alle paar Tage leert ihn Rieper, liest, was die Schreiber bewegt – und betet für sie.

Zwar ist der Vergnügungspark Soltau von Oktober bis März geschlossen, doch in der Vorweihnachtszeit und bis über den Jahreswechsel hinaus öffnet er traditionell für einen kurzen „Winterzauber“. Dann lockt ein Markt mit Buden und als Engel verkleidete Mädchen vor allem Familien mit Kindern an – und neuerdings auch eine theologisch und sozialpädagogisch ausgebildete Kirchenkraft. Seit August arbeitet die gelernte Konditorin an der Vergnügungsfront. Im Sommer nahm sie als schwarzzähnige Piratin „Anker-Anke“ Schulklassen auf Schatzsuche und anschließende Andacht mit, im Herbst organisierte sie als Abendprogramm und Bespaßung eine „Hallo-Luther“-Halloweenparty.

In der Adventszeit hat sie mit den Besucherkindern die Weihnachtsgeschichte nachgespielt, ihnen Geschichten vorgelesen und mit Playmobil-Figuren eine Krippe gebaut. In der kommenden Woche erwartet Rieper noch die Heiligen Drei Könige, um sich mit ihnen auf die Suche nach dem neugeborenen Jesuskind zu machen. Dann ist erst mal wieder Schluss bis März. „Diese Arbeit macht unglaublich viel Spaß“, sagt sie. „Ich habe einen absoluten Traumjob gefunden.“

Erfolgreich vorgemacht hat die ungewöhnliche Zusammenarbeit von Kirche und Freizeit-Industrie der Europapark Rust im Schwarzwald. Dort bilden Achterbahn und Religion schon seit drei Jahren eine gut funktionierende Gemeinschaft. Ein evangelischer und ein katholischer Geistlicher teilen sich die Betreuung der Besucher. „Entstanden ist die Idee in Rust, weil sich dort viele Paare trauen lassen wollen“, sagt Rieper. „Das ist hier bei uns in Soltau zwar auch möglich, aber bislang eher selten der Fall. Dennoch wollen auch wir den Menschen die Möglichkeit zur Entschleunigung und Ruhe bieten.“

Kirche im Tourismus, so die Hoffnung der Initiatoren, bietet den Besuchern des Vergnügungsparks auch eine Atempause für die Seele vom täglichen Einerlei. „Dass Kirche Kooperationen aufbaut, in denen Menschen ihre Freizeit verbringen und Gemeinschaft und Entspannung suchen, halte ich für grundlegend wichtig und zeitgemäß“, begründet Landesbischöfin Margot Käßmann die Einrichtung der von einem Innovationsfonds bezahlten Stelle.

Dass sie einmal in einem geistlichen Beruf arbeiten wollte, hat sich das Mädchen Anke Rieper aus York allerdings schon früh gewünscht. „Ich wuchs in festem Glauben auf.“ Doch nach der Pubertät flaute die Begeisterung für die christliche Berufung und die lustigen Kirchenfreizeiten erst einmal ab. Stattdessen lernte sie in Wandsbek bei Hamburgs bestem Tortenbäcker Andersen ein Handwerk.
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Danach arbeitete sie ein Jahr lang in einer Jugendherberge in England und ging danach für eine Wintersaison auf einen Reiterhof in den Schweizer Bergen. Eine Allergie, von Karies bedrohte Zähne wegen der zuckerhaltigen Luft in der Backstube sowie ein kaputter Rücken vom Schleppen der bis zu 50-Kilogramm schweren Mehlsäcke beendeten den Ausflug in die Welt des Feingebäcks. Die alte Idee von der seelsorgerischen Arbeit kam wieder hoch. „Diakonie wäre cool, habe ich gedacht“, sagt Rieper.

Im Johanneum in Wuppertal, eine der renommiertesten Einrichtungen „zur Ausbildung im hauptamtlichen Verkündigungsdienst“ wie die offizielle Berufsbeschreibung lautet, lernte sie zusammen mit 18 anderen Auszubildenden drei Jahre lang im Internat den Beruf der Gemeindepädagogin. Mit dem Abschluss in der Tasche ist sie nun Diakonin im Anerkennungsjahr. Der Job im Freizeitpark Soltau ist ihre erste Festanstellung.

„Wenn die Leute nicht mehr in die Kirche kommen, muss die Kirche sich auf den Weg zu den Leuten machen“, sagt Anke Rieper und lacht fröhlich. Mit dieser Haltung ist sie sicherlich willkommen.


Quelle: Heide-Park Soltau
 
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