Auf dem Jahrmarkt treiben „lebende Geister“ ihr Un

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Oliver Koscherkewitz

Auf dem Jahrmarkt treiben „lebende Geister“ ihr Unwesen -


Kleine Lichter werfen ihren schwachen Schein in die Dunkelheit: Ununterbrochen erfüllt ein dunkles Grollen und Rumoren die Finsternis. Dann das Geräusch einer Kettensäge, der schrille Schrei einer Frau und ein dämonisches Lachen. Eine Gestalt wartet regungslos und versteckt in einer Nische. Eine kleine vergitterte Kabine biegt auf Schienen um die Ecke. Zwei aneinander geklammerte Mädchen sitzen darin. Plötzlich setzt


sich der Schatten in Bewegung, springt auf die Kabine zu und schlägt mit einem Knüppel auf das Dach. Das Kreischen der Mädchen übertönt die Schreie vom Band.
Alex Demas lacht und zieht sich die blutverschmierte Teufelsmaske vom Gesicht. „Klar ist das ein Erfolgserlebnis, wenn die Frauen schreien“, sagt der 20-Jährige und grinst. Er ist einer von vier „lebenden Geistern“, die gerade in der „Fahrt zur Hölle“ auf dem Memminger Jahrmarkt ihr Unwesen treiben.


„Die Idee mit den Geistern kam auf, als wir vor fünf Jahren dieses Fahrgeschäft in Betrieb genommen haben“, erzählt Bernd Jollberg: „Damals haben wir maskierte Leute vor die Geisterbahn gestellt, die die Leute ansprechen sollten. Dann dachten wir uns, dass wir dass auch in der Bahn machen könnten“, so der 24-Jährige. Seinem Vater Heinz Jollberg gehört die Geisterbahn. Die Familie ist bereits seit 1821 in diesem Gewerbe tätig, so Bernd Jollberg. Auch junge Männer aus Memmingen arbeiten in und an der „Fahrt zur Hölle“ mit. Demas etwa, der eigentlich Maschinenbauer ist, hat sich extra Urlaub genommen, um auf dem Jahrmarkt mitzuarbeiten.


„Ich stehe zuerst regungslos in der Bahn, so dass die Leute denken, ich wäre eine der Figuren - und dann spring' ich raus“, verrät er seine Taktik. „Zu 90 Prozent haut das ziemlich rein“, sagt er und schickt sich an, dies zu beweisen: Eine weitere Kabine naht, weiter vorne zucken Lichtblitze auf. Signal für Demas, sich bereit zu machen. Ein Mann und ein Bub steuern auf ihn zu.

Abends geht's noch gruseliger zu

Seitlich erwacht in rotes Licht getaucht eine schaurige Figuren-Gruppe zum Leben: Trolle reißen einer Frau Teile des Kopfes ab. Beide Fahrgäste drehen gerade wieder den Kopf nach vorne, da springt Demas auf sie zu, brüllt und schlägt mit seinem Schaumstoff-Prügel aufs Dach. Der Junge schreit auf, der Mann reißt abwehrend die Arme hoch. Dann verschwindet die Gondel begleitet von lautem metallischem Krachen hinter der nächsten Kurve.
Abgelöst wird Demas von Michael Emmler, der ebenfalls mit Maske, Schaumstoff-Prügel und zusätzlich mit einer Trillerpfeife ausgestattet ist. Der Austausch ist laut Jollberg notwendig, denn es sei nicht so angenehm, „den ganzen Tag im Dunkeln und in dieser Kulisse zu stehen“. Zudem sehen die Geister abends anders aus als tagsüber: „Abends sind sie noch blutiger und gruseliger geschminkt und es machen auch unsere eigenen Leute mit, die noch schaurigere Masken haben.“ Nachmittags sei das Programm aus Rücksicht auf Kinder leicht abgeschwächt.



Andererseits seien manche Buben und Mädchen unerschütterlich. „Es kommt schon mal vor, dass sich Mütter an ihre Kinder drücken“, sagt Emmler. Ferner hat der 17-Jährige auch schon beobachtet, dass Fahrgäste offensichtlich gar nichts von der schaurig schönen Geistershow mitbekommen wollen: „Die ziehen sich dann die Jacken über die Köpfe, damit sie nichts sehen“, sagt der „Geist“ und lacht.
 
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