Gar nicht mehr so herzerwärmend

michael.

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Im Wandel Das Schaustellerdasein hat sich in den letzten Jahrzehnten entscheidend verändert. Statt Lagerfeuerromantik und Wanderleben sehen sich die Anbieter von Autoscooter, Spickerstand und Losbude mit dem Kampf ums Überleben konfrontiert.

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"Meine Knuddelmaus", "Für die beste Oma der Welt" und "Ich liebe Dich" steht auf den braunen Herzen, die mit buntem Zuckerguss verziert und in Folie verpackt sind. Dazwichen lugt ein grauhaariger Mann hindurch. "Was darf es sein, junge Frau", fragt er das blonde Mädchen, das sich noch nicht so recht entscheiden kann: Popcorn oder Gummibärchen? Sie entscheidet sich für die Schlumpf-Fruchtgummis und nimmt das Tütchen mit leuchtenden Augen entgegen. "Jetzt habe ich Zeit", erklärt der Verkäufer - und lugt dann aus der Seitentür des großen Wagens heraus. Bunte Lichter, fröhliche

Musik und der Duft frisch gebrannter Mandeln - das ist die Welt von Otmar Till. Seit 37 Jahren ist er in ganz Deutschland unterwegs, zusammen mit Losbude, Spickerstand und Autoscooter und vielen Gleichgesinnten, die das gleiche denken wie er: "Schausteller sein ist nicht einfach nur ein Beruf. Dieses Gewerbe ist eine Weltanschauung."


Dabei hat es inzwischen wenig mit Romantik zu tun, mit ziehenden Wagen und Lagerfeuergemütlichkeit. Es ist ein Kampf um die blanke Existenz. Wenn Otmar Till den fast menschenleeren Bleichwasenparkplatz sieht und dabei zuschaut, wie Kinderkarussell und Mini-Eisenbahn stillstehen, könnte ihm himmelangst werden. "Wir merken es als erste, wenn die Leute zu sparen anfangen", erklärt er. Ein Stück weit macht er die Konjunktur dafür verantwortlich, dass die Besucher und damit der Umsatz ausbleiben.

Aber auch in den neuen Interessen der Kinder und Jugendlichen sieht er die Gefahr für Spiel und Spaß an der frischen Luft. "Dieses ganze Computergeraffel zieht die Kinder so in seinen Bann, dass sie kein Interesse mehr daran haben, um Stofftiere zu schießen." Und wenn die Kinder dann kommen, sind sie extrem wählerisch, werden sogar frech. "Es hat sich alles gewandelt", erklärt er und erinnert sich an frühere Zeiten. "Sonst haben sich die Leute am Familientag gegenseitig von Stand zu Stand und von Fahrgeschäft zu Fahrgeschäft geschoben, man ist kaum nachgekommen." Jetzt muss der das Gespräch das erste Mal unterbrechen, um zwei jungen Mädchen an seinem Süßwarenstand jeweils

eine Zuckerstange zu verkaufen. Dann ist er aber gleich wieder zurück. Jammern will Otmar Till aber nicht. Schließlich habe er sich nach seiner Grundausbildung bei der Bundeswehr damals nicht ohne Grund dafür entschlossen, seinen Job bei der Bank sausen zu lassen und zum Vergnügen seiner Mitmenschen durch die Lande zu reisen. "Diese Freiheit hat mich gereizt - und ich habe den Schritt bis heute nicht bereut." Mit einer bis heute guten Freundin, der 80-jährigen Frau Niederländer aus

Nürnberg, war er in den Anfangszeiten unterwegs. "Von ihr habe ich extrem viel gelernt, was Werbung und den Aufbau eines Vergnügungspark und die Beleuchtung et cetera angeht", erinnert sich Otmar Till. "Und ich hole mir nach wie vor noch Tipps bei ihr." Und die kann er gut brauchen bei insgesamt zwölf Volksfesten, die er das ganze Jahr über organisiert. In einem Fachjournal können sich die Besitzer von Autoscooter und Co. über das Jahresprogramm informieren und sich dann um einen Stellplatz bewerben. Otmar Till

arbeitet seit vielen Jahren schon mit den gleichen Kollegen zusammen. "Man kennt und versteht sich untereinander", beschreibt er das gute Klima, das unter den Anbietern herrscht. Genauso, wie seine Kollegen, hat Otmar Till im Laufe der Jahre auch die Menschen in den Städten und Ortschaften kennen, die er bereist. "Es ist schon nett, wenn man die nächste oder übernächste Generation auf dem Festplatz sieht. Es gibt dann immer viel zu erzählen." Vorurteile haben die Leute den Schaustellern gegenüber inzwischen viel weniger, das Bild vom Zigeuner, der durch die Lande zieht, mit unlauteren Tricks die Menschen verblüfft und ihnen das Geld aus der Tasche zieht, haben nur noch wenige im Kopf - und die sind meist fortgeschrittenen Alters. Im

Gegenteil: Auf viele Menschen übt die Vorstellung vom Wanderleben eine echte Faszination aus - auch wenn es in der heutigen Zeit kaum jemand noch so praktiziert. "Die meisten Schausteller haben einen festen Wohnsitz, die Männer ziehen umher und die Frauen bleiben mit den Kindern zu Hause", erzählt Otmar Till. Dass der Nachwuchs unterwegs unterrichtet wird (oder eben nicht), oder dass er je nach Aufenthaltsort immer wieder in eine neue Klasse gesteckt wird, ist nicht mehr die

Regel.Wenn beide Elternteile unterwegs sind, können die Kinder in ein Internat speziell für Schausteller-Kinder, wie die evangelische Kirche in Feuchtwangen zum Beispiel eines betreibt. "Ein richtiges Wanderleben wie man es sich vorstellt, für immer im Wohnwagen mit allem drum und dran unterwegs, gibt es nicht mehr." Auch Otmar Till hat sich bereits niedergelassen, und zwar schon 1984 in Iphofen. Seitdem ist er etwa drei Monate des Jahres im Wohnwagen unterwegs, und die restlichen neun verbringt er jede Nacht in seinem eigenen Bett in Iphofen.


Das funktioniert, weil er sich als Vergnügungspark-Organisator vor allem am Main entlang durch Ober-, Mittel- und Unterfranken bewegt. Ob Kiliani-Volksfest in Würzburg, Kirchweih in Etwashausen oder Weihnachtsmarkt in Volkach - Otmar Till hat schon einiges gesehen und erlebt. A propos Weihnachtsmarkt: Diesen Geschäftszweig hat er sich mit seinem Süßigkeiten-Wagen als zweites Standbein erschlossen. "Die fetten Jahre sind vorbei", sagt er noch einmal. "Sonst hat man von den Einnahmen aus März bis

November gut leben und sich auch noch ein Polster schaffen können. Das geht jetzt nicht mehr." Durch die Einnahmen am Weihnachtsmarkt komme man aber ganz gut über die arbeitsfreien Monate. Ans Aufhören denkt Otmar Till trotzdem nicht. "So lange ich noch körperlich stabil und geistig fit bin, mache ich weiter. Schließlich bin ich rundum glücklich." Einen Wunsch hat er aber: "Ich verstehe nicht, warum die Kitzinger nicht kommen. Selbst in kleinen Ortschaften bekommen wir mehr Resonanz auf unser Angebot als hier." Allein am neuen Standort kann es seiner Meinung nach nicht liegen - auch

wenn er sich schon auf das nächste Jahr freut, wenn der neue Festplatz am Bleichwasen fertig ist. "Dann versuche ich wieder einmal, die Kollegen zusammenzutrommeln, um etwas Schönes auf die Beine zu stellen." Vielleicht finden dann wieder mehr Kinder, Jugendliche und ganze Familien den Weg zum Rummelplatz, wo es bunte Lichter, fröhliche Musik und duftende, gebrannte Mandeln gibt - und tauchen ein in die Welt des Otmar Till.
Text und Quelle: http://www.infranken.de/nachrichten/lokales/kitzingen/Gar-nicht-mehr-so-herzerwaermend;art218,92923
 
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